KLAGELIEDER

Erstes Klagelied

Jerusalems Verwüstung und Schmach

1 Ach , wie einsam sitzt doch jetzt die Stadt , die einst so stark bevölkert war ! Sie ist zur Witwe geworden , sie , die groß war unter den Völkern ; die Fürstin der Hauptstädte Muss nun Frondienste leisten ! ||| 2 Sie weint unaufhörlich bei Nacht , und ihre Tränen laufen ihr über die Wangen ; sie hat keinen Tröster unter allen ihren Liebhabern ; alle ihre Freunde sind ihr untreu , sind ihr zu Feinden geworden . ||| 3 Juda ist ausgewandert vor lauter Elend und hartem Knechtdienst ; es wohnt unter den Heiden , es findet keine Ruhe ! Alle seine Verfolger haben es eingeholt mitten in seinen Nöten . ||| 4 Die Straßen Zions trauern , weil niemand mehr zu den Festen kommt ; alle ihre Tore sind verödet , ihre Priester seufzen ; ihre Jungfrauen sind betrübt , und ihr selbst ist bitter weh . ||| 5 Ihre Widersacher haben die Oberhand gewonnen , ihren Feinden geht es gut ; denn der HERR hat ihr Betrübnis zugefügt um ihrer vielen Übertretungen willen ; ihre Kinder sind in der Gefangenschaft gewandert vor dem Feind her . ||| 6 So ist der Tochter Zion all ihr Schmuck genommen ; ihre Fürsten sind Hirschen gleichgeworden , die keine Weide finden ; kraftlos ziehen sie hin vor dem Verfolger . ||| 7 Jerusalem gedenkt in den Tagen ihres Elens und ihrer Plünderung an all ihre Kostbarkeiten , die sie hatte von uralten Zeiten her . Als ihr Volk durch die Gewalt des Feindes fiel , gab es niemand , der ihr zur Hilfe kam ; ihre Feinde sahen sie und lachten über ihren Untergang . ||| 8 Jerusalem hat schwer gesündigt ; darum ist sie zum Abscheu geworden ; alle , die sie ehrten , verachten sie jetzt , denn sie haben ihre Blöße gesehen ; auch sie selbst stöhnt auf und wendet sich ab . ||| 9 Ihre Unreinheit klebt an ihren Säumen ; sie hat ihr Ende nicht bedacht . Sie ist schrecklich heruntergekommen ; niemand tröstet sie . Ach , HERR , sieh mein Elend an , denn der Feind triumphiert ! ||| 10 Der Feind hat seine Hand ausgestreckt nach allen ihren Kostbarkeiten ; ja , sie hat sehen müssen , wie Heiden in ihr Heiligtum eindrangen , von denen du doch geboten hattest , Dass sie nicht in deine Gemeinde kommen sollten ! ||| 11 All ihr Volk seufzt auf der Suche nach Brot ; sie haben ihre Kostbarkeiten um Nahrung hergegeben , um sich nun am Leben zu erhalten . HERR , schau her und sieh , wie verachtet ich bin ! ||| 12 Bedeutet das euch nichts , ihr alle , die ihr hier vorübergeht ? Schaut und seht doch , ob ein Schmerz sei wie mein Schmerz , der  mich getroffen hat , mit dem mich der HERR bekümmert hat am Tag seines glühenden Zorns ! ||| 13 Er hat ein Feuer aus der Höhe in meine Gebeine gesandt und lässt es wüten ; er spannte meinen Füßen ein Netz und trieb mich zurück ; er hat mich zu einer Ruine gemacht ; ich bin die ganze Zeit krank ! ||| 14 Das Joch meiner Übertretungen ist durch seine Hand angeschirrt ; ineinander verschlugen sind sie mir auf den Nacken gelegt ; er hat meine Kraft gebrochen . Der Herr hat mich in die Hände derer gegeben , denen ich nicht widerstehen kann . ||| 15 Der Herr hat alle Helden in meiner Mitte weggerafft ; er hat eine Festversammlung gegen mich einberufen , um meine auserwählten ( Krieger ) zu zerschmettern ; der Herr hat die Kelter getreten der Jungfrau , der Tochter Juda . ||| 16 Darum weine ich , und mein Auge , ja , mein Auge zerfließt in Tränen , weil der Tröster fern von mir ist , der meine Seele erquicken sollte ; meine Kinder sind verwüstet , denn der Feind war zu stark . ||| 17 Zion streckt flehentlich ihre Hände aus , doch da ist niemand , der sie tröstet . Der HERR hat gegen Jakob aufgeboten seine Feinde ringsumher ; Jerusalem ist unter ihnen zum Abscheu geworden . ||| 18 Der HERR ist gerecht ; denn ich bin widerspenstig gewesen gegen sein Reden . Hört doch zu , alle Völker , und schaut an meinen Schmerz ! Meine Jungfrauen und meine jungen Männer Mussten in die Gefangenschaft ziehen . ||| 19 Ich rief nach meinen Liebhabern , aber sie haben mich betrogen ; meine Priester und meine Ältesten sind in der Stadt verschmachtet , als sie sich Speise erbettelten , um sich am Leben zu erhalten . ||| 20 Ach , HERR , schau her , denn mir ist angst , mein Inneres kocht ; mein Herz kehrt sich um in meiner Brust , denn ich bin sehr widerspenstig gewesen . Draußen hat mich das Schwert der Kinder beraubt , drinnen ist es wie der Tod ! ||| 21 Sie hören mich zwar seufzen , aber ich habe niemand , der mich trösten würde ; alle meine Feinde freuten sich , als sie von meinem Unglück hörten , Dass du es getan hast . Wenn du aber den Tag herbeiführst , den du angekündigt hast , so werden auch sie mir gleich sein ! ||| 22 Lass alle ihre Bosheit vor dein Angesicht kommen , und handle du an ihnen , wie du an mir gehandelt hast wegen all meiner Übertretungen ! Denn meine Seufzer sind zahlreich , und mein Herz ist krank . |||

Zweites Klagelied

Trauer über Gottes Zorngericht gegen die Tochter Zion

2

Ach ! Wie hat doch der Herr in seinem Zorn die Tochter Zion in Wolkendunkel gehüllt ! Er hat die Zierde Israels vom Himmel zur Erde geschleudert und an den Schemel seiner Füße nicht gedacht am Tag seines Zorns . ||| 2 Der Herr hat vertilgt und nicht verschont alle Wohnungen Jakobs ; in seinem Grimm hat er niedergerissen die Festungen der Tochter Juda ; zu Boden geworfen und entweiht hat er ihr Königreich samt ihren Fürsten . ||| 3 In seinem grimmigen Zorn schlug er ab jedes Horn von Israel ; er zog seine rechte Hand zurück vor dem Feind und hat Jakob in Brand gesteckt wie ein flammendes Feuer , das ringsum alles verzehrt . ||| 4 Er spannte seinen Bogen wie ein Feind , er stellte sich mit seiner Rechten wie ein Widersacher hin und machte alles nieder , was lieblich anzusehen war ; ins Zelt der Tochter Zion goss er seinen Grimm aus wie Feuer . ||| 5 Der Herr ist wie ein Feind geworden ; er hat Israel vertilgt , alle seine Paläste vernichtet ; er hat seine Festungen zerstört und hat der Tochter Juda viel Seufzen und Wehklage bereitet . ||| 6 Er hat seine Hütte verwüstet wie einen Garten , den Ort seiner Festversammlungen hat er zerstört ; der HERR hat in Zion die Festtage und Sabbate in Vergessenheit gebracht und König und Priester verworfen in seinem grimmigen Zorn . ||| 7 Der Herr hat seinen Altar verabscheut , sein Heiligtum verworfen ; er hat der Hand des Feindes preisgegeben die Mauern ihrer Paläste ; sie haben im Haus des HERRN Lärm erschallen lassen wie an einem Festtag . ||| 8 Der HERR hatte sich vorgenommen , die Mauern der Tochter Zion zu zerstören ; er spannte die Messschnur aus , er zog seine Hand nicht zurück , bis er sie vertilgt hatte ; Bollwerk und Mauer versetzte er in Trauer ; kläglich liegen sie miteinander da . ||| 9 Ihre Tore sind in den Erdboden versunken , ihre Riegel hat er zerstört und zerbrochen ; ihr König und ihre Fürsten sind unter den Heiden ; es ist kein Gesetz mehr da , auch bekommen ihre Propheten keine Offenbarung mehr vom HERRN . ||| 10 Die Ältesten der Tochter Zion , sie sitzen schweigend auf der Erde ; sie haben Staub auf ihr Haupt gestreut und sich mit Sacktuch umgürtet ; die Jungfrauen von Jerusalem , sie senken ihr Haupt zur Erde . ||| 11 Meine Augen sind ausgeweint , mein Inneres kocht ; mein Herz schmilzt in mir wegen des Zusammenbruchs der Tochter meines Volkes , weil Kind und Säugling verschmachten auf den Straßen der Stadt ! ||| 12 Sie fragten ihre Mütter : „ Wo ist Brot und Wein ?“ , als sie wie tödlich Verwundete dahinschmachteten auf den Straßen der Stadt , als sie den Geist aufgaben im Schoß ihrer Mütter . ||| 13 Was soll ich dir zusprechen , was dir vergleichen , du Tochter Jerusalems ? Was setze ich dir gleich , damit ich dich trösten kann , du Jungfrau , Tochter Zion ? Dein Schaden ist ja so groß wie das Meer ! Wer kann dich heilen ? ||| 14 Deine Propheten , sie haben dir erlogenes und fades Zeug geweissagt ; sie deckten deine Schuld nicht auf , um dadurch deine Gefangenschaft abzuwenden , sondern sie weissagten dir Aussprüche voll Trug und Verführung . ||| 15 Alle , die auf dem Weg vorübergehen , schlagen die Hände zusammen über dich ; sie zischen und schütteln den Kopf Über die Tochter Jerusalem : „ Ist das die Stadt , von der man sagte , sie sei der Schönheit Vollendung , die  Wonne der ganzen Erde ?“ ||| 16 Alle deine Feinde sperren ihr Maul gegen dich auf , sie zischen und knirschen mit den Zähnen ; sie sagen : „Jetzt haben wir sie vertilgt ! Das ist der Tag , auf den wir hofften ; jetzt haben wir ihn erreicht und gesehen !“ ||| 17 Der HERR hat vollbracht , was er sich vorgenommen hatte ; er hat sein Wort genau erfüllt , das er von alters her hat verkündigen lassen ; er hat schonungslos zerstört ; er hat den Feind über dich frohlocken lassen und das Horn deiner Widersacher erhöht . ||| 18 Ihr Herz schreit zum Herrn ! Du Mauer der Tochter Zion , lass Tränenströme fließen bei Tag und Nacht , gönne dir keine Ruhe , dein Augapfel raste nicht ! ||| 19 Steh auf und klage in der Nacht , beim Beginn der Wachen ! Schütte dein Herz wie Wasser aus vor dem Angesicht des Herrn ! Hebe deine Hände zu ihm empor für die Seele deiner Kinder , die vor Hunger verschmachten an allen Straßenecken ! ||| 20 HERR , schau her und sieh : An wem hast du so gehandelt ? Sollten denn Frauen ihre eigene Leibesfrucht essen , die Kinder ihrer liebevollen Pflege ? Sollten wirklich Priester und Propheten erschlagen werden im Heiligtum des Herrn ? ||| 21 Auf den Straßen liegen am Boden hingestreckt Knaben und Greise ; meine Jungfrauen und meine jungen Männer , sie sind durchs Schwert gefallen ; du hast sie erwürgt am Tag deines Zornes , du hast sie schonungslos niedergemacht ! ||| 22 Wie zu einem Festtag hast du zusammengerufen alles , was ich fürchtete , von allen Seiten , und nicht einer ist entkommen oder übrig geblieben am Tag des Zornes des HERRN . Die ich liebevoll gepflegt und großgezogen hatte , die hat mein Feind vertilgt ! |||

Drittes Klagelied

Die Leiden des Propheten und sein Trost in der Barmherzigkeit des HERRN

3

Ich bin der Mann , der tief gebeugt worden ist durch die Rute seines Zorns . ||| 2 Mich hat er verjagt und in die Finsternis geführt und nicht ans Licht . ||| 3 Nur gegen mich kehrt er immer wieder seine Hand den ganzen Tag . ||| 4 Er hat mein Fleisch und meine Haut verfallen lassen und meine Knochen zermalmt . ||| 5 Er hat rings um mich her Gift und Leid aufgebaut . ||| 6 In Finsternis ließ er mich wohnen wie längst Verstorbene . ||| 7 Er hat mich eingemauert , dass ich nicht herauskommen kann ; mit ehernen Ketten hat er mich beschwert . ||| 8 Selbst wenn ich schreie und rufe , verschließt er doch ( die Ohren ) vor meinem Gebet . ||| 9 Mit Quadersteinen hat er meine Wege vermauert , hat meine Pfade gekrümmt . ||| 10 Er lauert mir auf wie ein Bär , wie ein Löwe im Dickicht . ||| 11 Er hat meine Wege versperrt und hat mich zerfleischt , mich arg zugerichtet . ||| 12 Er hat seinen Bogen gespannt und mich dem Pfeil zum Ziel gesetzt . ||| 13 Er hat mir in die Nieren gejagt die Söhne seines Köchers . ||| 14 Ich bin meinem ganzen Volk zum Gelächter geworden , ihr Spottlied den ganzen Tag . ||| 15 Er hat mit Bitterkeit gesättigt , mit Wermut getränkt . ||| 16 Er ließ meine Zähne sich an Kies zerbeißen , hat mich niedergedrückt in die Asche . ||| 17 Ja , du hast meine Seele aus dem Frieden verstoßen , Dass ich das Glück vergaß . ||| 18 Und ich sprach : Meine Lebenskraft ist dahin , und auch meine Hoffnung auf den HERRN ! ||| 19 Gedenke doch an mein Elend und mein Umherirren , an den Wermut und das Gift ! ||| 20 Beständig denkt meine Seele daran und ist tief gebeugt ! ||| 21 Dieses aber will ich meinem Herzen vorhalten , darum will ich Hoffnung fassen : ||| 22 Gnadenweise des HERRN sind´s dass wir nicht gänzlich aufgerieben wurden , denn seine Barmherzigkeit ist nicht zu Ende ; ||| 23 sie ist jeden Morgen neu , und deine Treue ist groß ! ||| 24 Der HERR ist mein Teil !  , spricht meine Seele ; darum will ich auf ihn hoffen . ||| 25 Der HERR ist gütig gegen die , welche auf ihn hoffen , gegen die Seele , die nach ihm sucht . ||| 26 Gut ist´s schweigend zu warten auf die Rettung des HERRN . ||| 27 Es ist gut für den Mann , das Joch zu tragen in seiner Jugend . ||| 28 Er sitze einsam und schweige , wenn Er es ihm auferlegt ! ||| 29 ER stecke seinen Mund in den Staub ; vielleicht ist noch Hoffnung vorhanden . ||| 30 Schlägt ihn jemand , so biete er ihm die Wange dar und lasse sich mit Schmach sättigen ! ||| 31 Denn der Herr wird nicht auf ewig verstoßen ; ||| 32 sondern wenn er betrübt hat , so erbarmt er sich auch nach der Fülle seiner Gnade ; ||| 33 denn nicht aus Lust plagt und betrübt Er die Menschenkinder . ||| 34 Wenn alle Gefangenen eines Landes mit Füßen getreten werden , ||| 35 wenn das Recht eines Mannes gebeugt wird vor dem Angesicht des Höchsten , ||| 36 wenn die Rechtssache eines Menschen verdreht wird --- sollte der Herr es nicht beachten ? ||| 37 Wer hat je etwas gesagt und es ist geschehen , ohne dass der Herr es befahl ? ||| 38 Geht nicht aus dem Mund des Höchsten hervor das Böse und das Gute ? ||| 39 Was beklagt sich der Mensch , der noch am Leben ist ? Es hätte sich wahrlich jeder über seine Sünde zu beklagen ! ||| 40 Lasst uns unsere Wege prüfen und erforschen und umkehren zum HERRN ! ||| 41 Lasst uns unsere Herzen samt den Händen zu Gott im Himmel erheben ! ||| 42 Wir sind abtrünnig und widerspenstig gewesen ; das hast du nicht vergeben . ||| 43 Du hast dich im Zorn verborgen und uns verfolgt ; du hast uns ohne Mitleid umgebracht ; ||| 44 du hast dich in eine Wolke gehüllt , Dass kein Gebet durchdrang ; ||| 45 du hast uns zu Kot und Abscheu gemacht mitten unter den Völkern ! ||| 46 Alle unsere Feinde haben ihr Maul gegen uns aufgesperrt . ||| 47 Grauen und Grube sind über uns gekommen , Verwüstung und Untergang . ||| 48 Es rinnen Wasserbäche aus meinen Augen wegen des Untergangs der Tochter meines Volkes . ||| 49 Mein Auge tränt unaufhörlich und kommt nicht zur Ruhe , ||| 50 bis der HERR vom Himmel herabschauen und dareinsehen wird . ||| 51 Was ich sehen muss , tut meiner Seele weh wegen aller Töchter meiner Stadt . ||| 52 Die mich ohne Ursache hassen , stellten mir heftig nach wie einem Vogel ; ||| 53 sie wollten mich in der Grube ums Leben bringen und warfen Steine auf mich . ||| 54 Wasser gingen über mein Haupt ; ich sagte : Ich bin verloren ! ||| 55 Aber ich rief deinen Namen an , o HERR , tief unten aus der Grube . ||| 56 Du hörtest meine Stimme : „ Verschließe dein Ohr nicht vor meinem Seufzen , vor meinem Hilferuf !“ ||| 57 Du nahtest dich mir an dem Tag , als ich dich anrief ; du sprachst : „ Fürchte dich nicht !“ ||| 58 Du führtest , o Herr , die Sache meiner Seele ; du hast mein Leben erlöst ! ||| 59 Du hast , o HERR  , meine Unterdrückung gesehen ; schaffe du mir Recht ! ||| 60 Du hast all ihre Rachgier gesehen , alle ihre Anschläge gegen mich . ||| 61 Du hast , o HERR , ihr Schmähen gehört , alle ihre Pläne gegen mich , ||| 62 das Gerechte meiner Widersacher und ihr dauerndes Murmeln über mich . ||| 63 Sieh doch : Ob sie sich setzen oder aufstehen , so bin ich ihr Spottlied ! ||| 64 Vergilt ihnen , o HERR , nach dem Werk ihrer Hände ! ||| 65 Gib ihnen Verstockung des Herzens ; dein Fluch komme über sie ! ||| 66 Verfolge sie in deinem Zorn und vertilge sie unter dem Himmel des HERRN hinweg ! |||

Viertes Klagelied

Die schrecklichen Geschehnisse beim Untergang Jerusalems

4

Ach ! Wie ist das Gold geschwärzt , wie ist das kostbare Gold entstellt ! Wie sind die Steine des Heiligtums aufgeschüttet an allen Straßenecken ! ||| 2 Die Kinder Zions , die teuren , die mit feinem Gold aufgewogen , ach , wie sind sie irdenen Gefäßen gleichgeachtet , dem Werk von Töpferhänden ! ||| 3 Selbst Schakale reichen die Brust , sie säugen ihre Jungen ; aber die Tochter meines Volkes ist grausam geworden wie die Strauße in der Wüste . ||| 4 Dem Säugling klebt die Zunge am Gaumen vor lauter Durst ; die Kinder verlangen nach Brot , aber niemand bricht es ihnen . ||| 5 Die sonst Leckerbissen aßen , verschmachten auf den Gassen ; die auf Purpurlagern ruhten , sind jetzt froh über Misthaufen . ||| 6 Denn die Schuld der Tochter meines Volkes , sie ist größer geworden als die Sünde Sodoms , das in einem Augenblick umgekehrt wurde , ohne dass Menschenhände sich dabei abmühten . ||| 7 Ihre Geweihten waren glänzender als Schnee , weißer als Milch , ihr Leib war röter als Korallen , ihre Gestalt wie ein Saphir . ||| 8 Jetzt aber sind sie schwärzer als Ruß , man erkennt sie nicht auf den Straßen ; ihre Haut klebt an ihrem Gebein , sie sind so dürr wie Holz . ||| 9 Die das Schwert erschlug , waren glücklicher als die der Hunger tötete , welche ( vom Hunger ) durchbohrt dahinschmachteten , aus Mangel an Früchten des Feldes . ||| 10 Die Hände barmherziger Frauen haben ihre eigenen Kinder gekocht ; sie dienten ihnen zur Nahrung beim Zusammenbruch der Tochter meines Volkes . ||| 11 Der HERR ließ seine Zornglut ausbrennen , er schüttete seinen grimmigen Zorn aus , und er zündete in Zion ein Feuer an , das seine Grundfesten verzehrt hat . ||| 12 Die Könige der Erde hätten es nicht geglaubt , noch irgendein Bewohner des Erdkreises , Dass der Feind , der sie belagerte , je einziehen würde durch die Tore Jerusalems . ||| 13 ( Doch es geschah ) wegen der Sünden ihrer Propheten , wegen der Schuld ihrer Priester , die in ihrer Mitte vergossen haben das Blut des Gerechten . ||| 14 Sie wankten auf den Straßen wie Blinde , sie waren so mit Blut bespritzt , Dass niemand ihre Kleider anrühren mochte . ||| 15 Man rief ihnen zu : „Fort mit euch , ihr seid unrein ! Weg , weg , kommt uns nicht nah !“  Ja , sie mussten fliehen und umherirren ; unter den Heiden sprach man : „ Bleibt nicht länger hier !“ ||| 16 Das Angesicht des HERRN hat sie zerstreut ; Er will sie nicht mehr anblicken . Man nahm auf Priester keine Rücksicht mehr und hatte kein Erbarmen mit den Alten . ||| 17 Auch da noch schmachteten unsere Augen nach Hilfe --- vergeblich ! Auf unserer Warte hielten wir Ausschau nach einem Volk , das doch nicht half . ||| 18 Man stellte uns nach auf Schritt und Tritt , sodass wir nicht mehr auf unseren Straßen umhergehen konnten ; unser Ende war nahe , unsere Tage abgelaufen ; ja , unser Ende war gekommen . ||| 19 Unsere Verfolger waren schneller als die Adler des Himmels ; Über die Berge jagten sie uns nach , und in der Wüste lauerten sie auf uns . ||| 20 Unser Lebensodem , der Gesalbte des HERRN , wurde in ihren Gruben gefangen , er , von dem wir sagten :  „Wir werden in seinem Schatten unter den Heiden leben !“ ||| 21 Juble nur und sei schadenfroh , du Tochter Edom , die du im Land Uz wohnst ! Der Kelch wird auch an dich kommen ; auch du wirst trunken und entblößt werden ! ||| 22 Du Tochter Zion , deine Schuld ist getilgt ; er wird dich nicht mehr gefangen wegführen lassen ; deine Schuld aber , du Tochter Edom , sucht er heim , deine Sünden deckt er auf ! |||

Fünftes Klagelied

Das Gebet des elenden Volkes um Erbarmen und Wiederherstellung

5

Gedenke , HERR , an das , was uns widerfahren ist ! ||| 2 Unser Erbe ist den Fremden zugefallen , unsere Häuser den Ausländern . ||| 3 Wir sind Waisen geworden , ohne Vater ; unsere Mütter sind wie Witwen . ||| 4 Unser Wasser trinken wir um Geld , unser eigenes Holz bekommen wir ( nur ) gegen Bezahlung . ||| 5 Unsere Verfolger sitzen uns im Nacken ; auch wenn wir müde sind , gönnt man uns keine Ruhe . ||| 6 Wir haben Ägypten die Hand gereicht und Assyrien , um genug Brot zu erhalten . ||| 7 Unsere Väter , die gesündigt haben , sind nicht mehr ; wir müssen ihre Schuld tragen . ||| 8 Knechte herrschen über uns ; da ist keiner , der uns aus ihrer Hand befreit ! ||| 9 Wir schaffen unsere Nahrung unter Lebensgefahr herbei , weil uns in der Wüste das Schwert bedroht . ||| 10 Unsere Haut ist schwarz wie ein Ofen , so versengt uns der Hunger . ||| 11 Frauen wurden geschändet in Zion , Jungfrauen in den Städten Judas . ||| 12 Fürsten wurden durch ihre Hand gehängt ; die Person der Alten hat man nicht geachtet . ||| 13 Junge Männer müssen die Handmühle tragen , und Knaben straucheln unter Holzlasten . ||| 14 Die Ältesten bleiben fern vom Tor , und die jungen Männer lassen ihr Saitenspiel . ||| 15 Die Freue unseres Herzens ist dahin , unser Reigen hat sich in Klage verwandelt . ||| 16 Gefallen ist die Krone unseres Hauptes ; wehe uns , dass wir gesündigt haben ! ||| 17 Darum ist unser Herz krank geworden , darum sind unsere Augen trübe --- ||| 18 weil der Berg Zion verwüstet ist ( und ) Füchse sich dort tummeln . ||| 19 Du , o HERR , thronst in Ewigkeit ; dein Thron besteht von Geschlecht zu Geschlecht ! ||| 20 Warum willst du uns für immer vergessen , uns verlassen alle Tage ? ||| 21 Bringe uns zu dir zurück , o HERR , so werden wir umkehren ; Lass unsere Tage wieder werden wie früher ! ||| 22 Oder hast du uns gänzlich verworfen , bist du allzu sehr über uns erzürnt ? |||

 

 

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